KOPFKARUSSELL

Hochsensibilität oder der Kampf um die Filter

Als Kind war ich eine Mischung aus Schnecke und Rowdy. Wann immer möglich, verkroch ich Schnecke mich in mein Häuschen. Nachmittags saß ich dann auf der Schaukel. Das stetige auf Auf und Ab sortierte die Gedanken. Verlangsamten das Karussell im Kopf. Konnte sich meine innere Schnecke nicht verkriechen oder auf die Schaukel, mutierte sie zum Monster.

Im Laufe der Zeit die Diagnose Heuschnupfen, Photosensivität, Im Laufe der Zeit die Diagnose Heuschnupfen, Photosensivität, Neurodermitis, allergisches Asthma. Alles „Zuviel-Krankheiten“. Fieber- und Schmerzmedikamente? Bloß nicht! Die führen zu innerer Unruhe und Schmerzverstärkung. Stand-by-Lämpchen? Besonders nachts nicht auszuhalten! Actionfilm im Kino? Willst du den Notarzt rufen? Spannende Unterhaltung in der lauten Kneipe? Falls du nichts wichtiges zu sagen hast und dich dafür interessierst, was an Nebentisch und drei Tische weiter gesprochen wird, gerne. Kann ich dir ja nachher erzählen.

Blick Nach innen. Schotten dicht.

Ging ich mit meiner Mutter durch die Fußgängerzone, wurde ich ständig angepflaumt, warum ich diese oder jene Klassenkameradin oder Lehrerin nicht grüße. Nicht gesehen. Blick nach innen. Schotten dicht. Glaubt man mir natürlich nicht. Laufen eignet sich hervorragend zum Sortieren von Gedanken. In meiner Vorstellung wandelte schon Sokrates die ganze Zeit meditierend und monologisierend unter Arkaden.

An der Uni nannte mich ein Kommilitone einen „nie enden wollender Quell nutzloser Information“. Später im Job schlug ein Kollege vor, mir eine An der Uni nannte mich ein Kommilitone einen „nie enden wollender Quell nutzloser Information“. Später im Job schlug ein Kollege vor, mir eine Kuhglocke umzuhängen. Damit er mich rechtzeitig hört, bevor ich unerwartet um die Ecke biege und ihn über den Haufen renne. Wenn ich über ein Problem nachdenke, laufe ich gerne auf und ab. Das fokussiert die Gedanken.

Ich kenne einen kreativen und freigeistigen Jungen, der überall aneckt. Er lehnt vorgegebene Tätigkeiten ab und widmet sich diesen, wenn erzwungen, nur wenig konzentriert und mit kaum Durchhaltevermögen. Alle Förderung zielt darauf ab diese Fähigkeiten zu erzwingen und ihn schultauglich zu machen. Was aber, wenn auch er ein Karussell im Kopf hat und noch nicht weiß, wie man es bremst?

Nach der Uni blitzartiger Umzug in eine mir unbekannte größere Stadt, in den neuen ersten Job stürzen, Freunde suchen, passende Geschäfte und Dienstleister auskundschaften, sportliche Aktivitäten finden, als Landei vom Kulturprogramm überwältigt sein. Zusammenbruch.

Sonderform. Sonderquatsch.

Diagnose: Depression. Völliger Quatsch. Sonderform. Sonderquatsch. Aber die Behandlung sehr effektiv: erst einmal nicht arbeiten und die Ermutigung raus zu gehen und etwas zu machen. Gerne. Blöder Blick der Ärzte: das tut man als Depressive doch nicht! Trotz Aufforderung nicht! Mir egal. Endlich genug Zeit, die Stadt anzuschauen, meine Lieblingsgeschäfte und einen Sportkurs zu finden, Leute kennenzulernen und so viele Handtücher und Unterwäsche zu kaufen, dass ich nicht mehr jede Woche waschen muss. Ausreichend künstliche Filter installiert? Dann gerne wieder arbeiten.

Und natürlich auch der mittelalte schwer adipöse Junggeselle, der bei seinem alten Vater lebte und fand, dass eine Halbtagsstelle zum Leben völlig ausreiche. Diskussionen über Martin Suter und Mark Rothko. Intelligent, breites Interessensspektrum. Das richtige Vorbild zur richtigen Zeit. Selten habe ich einen Mensch getroffen, der mehr in sich ruhte und mit sich selbst zufriedener war.

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