GEDICHTVERSUCH

Mir spukt eine tolle Idee für ein Gedicht zum Thema „Vorurteile“ im Kopf herum. Nur leider habe ich überhaupt keine Ahnung vom Gedichte schreiben. Strophen bekomme ich noch halbwegs hin. Aber was ist mit Metrik? Hege ich nach „leckerer Kokoskeks für daheim oder unterwegs“ (Der kleine Drache Kokosnuss) zu Unrecht eine Reimphobie? Und ist es legitim, die letzte Strophe so verstümmelt stehen zu lassen?

Der Versuch

Vorurteil

Ich laufe der Katze hinterher,
stehe unerwartet vor dir.
Du hast zu viel Metall im Gesicht,
arbeitest als Entertainer.
Ich kann verordnete Fröhlichkeit nicht leiden.
Wenn die Katze nicht wäre,
würden wir nicht reden.

Du weißt Interessantes zu sagen,
setzt deine Antennen geschickt ein.
Ich fange innerlich an zu strahlen,
über dein Kompliment zu den Katzen.
Menschen wie dich trifft man viel zu selten.
Wenn du ein anderer wärst,
würde ich dir das sagen.

Sie werden mich belächeln,
das Kompliment war nur dahergesagt.
Sie werden etwas zu laut tuscheln,
die Alte will mehr als nur reden.
Ich stelle dir meine Fragen nicht,
aus verschlossenen Lippen,
kein Kompliment.

Iinspiriert hat mich verschiedenes

Inspiriert zu dem Versuch hat mich Verschiedenes. Zum einen gab es einen Beitrag in der Sektion „Was mein Leben reicher macht“ in der Zeit. In diesem beschreibt ein Mann, wie er sich an einer Autobahnraststätte in eine tolle Stimme verliebt und schließlich voll neuer Hoffnung seinen Weg fortsetzt. Die Flüchtigkeit der Situation und die Inspiration, kenne ich auch.

Einige wenige Male im Leben hatte ich eine kurze und spontane Begegnung mit einem Menschen, der mich enorm inspiriert oder glücklich gemacht hat, ohne dass ich ihn wirklich kennenlernen konnte. Nachdem die letzte Begegnung dieser Art schon über 15 Jahre zurück liegt, bin ich vor einiger Zeit wieder einem solchen Menschen begegnet.

Interessanterweise sind diese Menschen nie diejenigen, mit denen ich mich anfreunde. Sie begegnen mir in einer Stadt im Zentrum Spaniens oder haben beruflich – etwa als Lehrerin – mit mir zu tun. Diesen Menschen oder besser gesagt dem Bedauern darüber, dass ich sie habe ziehen lassen – ohne ihnen die Fragen zu stellen, zu denen sie mich inspiriert haben – ist das Gedicht gewidmet. Obwohl ich mir natürlich darüber bewusst bin, dass die Begegnungen vielleicht ihren Zauber verloren hätten, wenn wir uns jeden Tag im Büro oder samstags beim Bäcker begegnet wären und einen kurzen Plausch gehalten hätten.

Kennst du das? Du nimmst bei einem anderen Menschen etwas wahr, was über sein Aussehen, sein Reden und Handeln hinaus geht. Du weißt, dass du einen ganz tollen Menschen vor dir hast, obwohl du ihm gerade begegnet bist. Und er macht dir aus Zufall oder Intuition genau das Kompliment, nachdem du dich – ohne es zu ahnen – gesehent hast. Du fragst dich, ob er Antennen hat, mit denen er genau ausloten kann, womit er dein Innerstes berührt. Schreib mir doch einen Kommentar mit deinen Erfahrungen.

Ist das Ende zu pessimistisch?

Nachdem ich eine erste Strophe voller Vorurteile verfasst hatte, fand ich es reizvoll, das Ich sein Bild vom Du ein der zweiten Strophe korrigieren zu lassen. Im Gegensatz zum hoffnungsvollen Ende des Zeit-Beitras, wollte ich dem Strahlen die möglicherweise verpasste Chance gegenüber stellen. So verstrickt sich das Ich wieder in Vorurteilen. Allerdings diesmal in den vermeintlichen der anderen.

Ich überlege nur, ob die letzte Strophe nicht etwas zu pessimistisch und fatalistisch ist. Eigentlich sind solche Begegnungen ja etwas schönes, das lange in Erinnerung fort wirkt und problemlos nach Lust und Laune idialisiert werden kann. Hätte ich besser ein Ende wie im Zeit-Beitrag wählen sollen und das strahlende Ich mit einem Lächeln auf den Lippen und voller Hoffnung weiter ziehen lassen sollen? Wer weiß, vielleicht lerne irgendwann noch das Schreiben von Gedichten und verfasse eine neue Version.

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