MÄRCHEN

Sind sie noch zeitgemäß?

Warum üben Märchen auch heute noch eine große Faszination auf kleine Kinder aus? Sie wurden von den Brüdern Grimm im beginnenden 19. Jahrhundert gesammelt, niedergeschrieben und damit fixiert.

Fixiert im Sinne von „für die Nachwelt festgehalten“, aber auch in dem Sinne von „festgeschrieben“. Einerseits ist das gut, da auf diese Weise ein immaterielles Kulturerbe – sofern dies eben möglich ist – konserviert wird, selbst wenn die Erzähltradtion aktuell immer mehr verloren geht. Andererseits ist das auch schade, weil so der fortlaufende Anpassungsprozess, der bei einer mündlichen Überlieferung automatisch stattfindet, gestoppt wurde. Die heute bekanntesten Fassungen der Märchen („Volksmärchen“ wäre vermutlich der korrektere Begriff) dürften also, abgesehen von einer Modernisierung der Sprache, auf dem Stand frühen 19. Jahrhunderts stehen geblieben sein. Ihr gesellschaftlicher Kontext (König, Prinzessin, Magd und Knecht) ist manchmal noch älter.

Aus der Perspektive von uns Müttern sind Märchen brutal und verstörend

Aus der Perspektive von uns Müttern sind viele der bekanntesten Märchen nicht nur veraltet, sondern auch brutal und verstörend. Trotzdem befassen sich die Drei- bis Fünfjährigen begeistert damit.

Meine Nachbarin Ellen liest ihrer dreijährigen Tochter keine Märchen vor. Sie findet, dass Märchen grausam, nicht mehr zeitgemäß und ohnehin keine altersadäquate Lektüre seien. Am Tag nach unserer Unterhaltung berichtet mein Sohn, der zusammen mit ihrer Tochter in den Kindergarten geht, begeistert vom CD hören: „Und am Ende hat der böse Wolf das Rotkäppchen UND die sieben Geißlein gefressen. Nur das jüngste nicht. Das hat sich im Uhrkasten versteckt.“.

In der Tat könnte man manchmal „jemanden an die Wand pappen“, belässt es in der Praxis jedoch gewöhnlich bei der Phrase und macht keinen tatsächlichen Gebrauch davon. Und man gibt auch an seine Kinder weiter, dass Gewalt keine adäquate soziale Umgangsform zum Lösen von Konflikten ist. Im Märchen hingegen fliegt der unliebsame Frosch gegen die Wand und die gewaltbereite Prinzessin kommt nicht nur damit durch, sondern wird auch noch belohnt. (Der Froschkönig)

Es stellt sich auch die Frage, ob man seinem Kleinkind die brutale Wahrheit zumuten kann, dass manche Eltern sich nicht um ihre Kinder kümmern (können) und sie – metaphorisch gesprochen – allein im Wald aussetzen. Wo sie dann verhungern oder von wilden Tieren gefressen werden sollen. (Hänsel und Gretel)

Aber irgendwas muss ja dran sein

Aber irgendwas muss ja dran sein, an den Märchen. Die meisten sind uralt und enorm weit verbreitet. Märchen treten in allen Kulturkreisen auf. Liegt unseren Kindern eine gewisse Lust inne, sich zu gruseln? Ist das Märchen das Pendant des kleinen Kindes zum Horrorfilm? Vermutlich ist es auch kein Zufall, dass die Faszination für Märchen genau in der Entwicklungsphase auftritt, in der auch die kindliche Angst auftaucht. Liest das Kind mit Begeisterung Geschichten vom bösen Wolf, weil es sich eigentlich vor dem bösen Wolf fürchtet? Verarbeitet es auf diese Weise seine Ängste?

Bislang dachte ich immer, dass für Kinder die Hexe von Hänsel und Gretel im Fordergrund steht und das Böse als schaurig-faszinierende Fantasiegestalt verkörpert. Ich selbst habe als Kind das eigentliche und viel realere Unding – dass die Eltern ihre Kinder im Wald aussetzen – nie als solches wahrgenommen. Mein Sohn meinte jedoch neulich: „Mama, die Eltern haben die Kinder einfach im Wald allein gelassen!“. Die Wahrnehmung von Kindern und Erwachsenen ist also mitunter gar nicht so verschieden. (Update vom 4.11.2019)

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